„Partizipation ist eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Stadtentwicklung“

Interview mit Franziska Schreiber und Kaj Fischer

 

Innovative Beteiligungsverfahren machen Städte lebenswerter, finden Franziska Schreiber und Kaj Fischer von der Denkfabrik adelphi. Die beiden Urbanisierungsexperten sprachen mit URBANET darüber, wie Stadtverwaltungen und Bürger ihre Städte gemeinsam gestalten können.

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URBANET: Wie würden Sie Partizipation im Kontext von Stadt definieren?

Kaj Fischer: Partizipation in diesem Kontext meint einmal, dass ich mich beteiligen kann an der Entwicklung der Stadt, zum anderen aber auch, dass ich teilhaben kann an dem, was in der Stadt passiert. Jeder, der in einer Stadt lebt oder von einer Stadt profitiert, sollte in der Lage sein, mitzumachen und mitzugestalten. Und dabei geht es nicht nur um die Frage, wie ein Raum bebaut wird, sondern dass man Zugang zu Flächen hat, wo man sich verwirklichen kann, oder dass man sich aktiv einbringen kann, zum Beispiel durch ehrenamtliche Arbeit oder über Sportvereine und Freizeitangebote. Dieser Zugang muss für alle gewährleistet sein.

URBANET: Warum ist es gerade in Hinblick auf eine nachhaltige Stadtentwicklung wichtig, dass sich Menschen an Stadtentwicklung beteiligen?

Franziska Schreiber: Beteiligung oder Partizipation ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass man überhaupt eine nachhaltige Stadtentwicklung erreichen kann. Ich denke, Stadtverwaltungen, Stadtplaner und Politiker müssen verstehen, dass die Bewohner einer Stadt ihre unmittelbare Umwelt und ihre Nachbarschaft am besten kennen. Sie wissen zum Beispiel genau, ob die Grünräume vor Ort gepflegt sind oder wie gut die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist. Es ist wichtig, dass dieses fundamentale lokale Wissen für Planungsprozesse genutzt wird.

Kaj Fischer: Wenn ich einen guten Beteiligungsprozess habe und die Bürger sich in den Ergebnissen wiederfinden, ist die Chance groß, dass Planungsprozesse beschleunigt werden und dass passgenaue Lösungen gefunden werden, die die Stadt lebenswerter machen.

URBANET: Was können Städte, die mehr Partizipation ermöglichen wollen, konkret tun?

Franziska Schreiber: Die Profession des Stadtplaners und auch die Anforderungen an die Stadtverwaltung haben sich geändert. Früher waren sie für rein planerische und architektonische Fragen zuständig, heute brauchen sie auch eine große Moderationskompetenz. Für eine erfolgreiche Bürgerbeteiligung müssen sie auf die Bürger zugehen und attraktive Plattformen und Formate zur Mitgestaltung eröffnen. Es reicht nicht aus, dass man den Bürgern anbietet, dass sie zu einer Versammlung ins Rathaus kommen und dort ihre Anliegen kundtun können. Man muss ihnen mehr bieten, Kreativ-Workshops zum Beispiel oder Bürgerbefragungen, die auch benachteiligte Gruppen erreichen. Außerdem muss über verschiedene Kanäle kommuniziert werden, dass es die Möglichkeit zu Beteiligung gibt – viele Bürger wissen häufig gar nicht, dass sie ein Mitspracherecht haben.

Kaj Fischer: Dieses Zugehen auf den Bürger, das ist wirklich enorm wichtig. Die Stadtverwaltungen müssen aktiv werden und vermitteln, dass das Gestalten von Stadt eine gemeinsame Aufgabe ist und kein klassisches Top-down-Verfahren.

URBANET: Welche erfolgreichen Partizipationsprojekte im Bereich Stadtentwicklung fallen Ihnen ein?

Franziska Schreiber: Dazu fällt mir ein Beispiel aus Mumbai ein, wo ich 2011 für eine NGO gearbeitet habe. Die Stadt wollte einen Entwicklungsplan für die nächsten 20 Jahre verabschieden und hatte eine Beraterfirma in Bangalore damit beauftragt, diesen Plan zu entwickeln. Dieser Beraterfirma fehlte natürlich das lokale Wissen über Mumbai, und viele NGOs in Mumbai befürchteten, dass dadurch die Bedürfnisse der Einwohner in dem Plan zu kurz kämen. Sie setzten dann mit Unterstützung der Stadtverwaltung ein großes Beteiligungsverfahren auf, um die Bürger über den Entwicklungsplan zu informieren und dazu zu ermutigen, sich an dessen Erarbeitung zu beteiligen.

Dafür wurden ganz unterschiedliche Formate eingesetzt: Zum Beispiel wurden in allen Bezirken der Stadt Flyer verteilt und Poster aufgehängt, es gab qualitative und quantitative Bürgerbefragungen und zu Kernthemen wie Wasser- und Energieversorgung wurden Stakeholder-Dialoge mit Politikern, Praktikern und Akademikern durchgeführt. Diese verschiedenen Komponenten haben gut ineinander gegriffen und letztlich ein Bild ergeben, dass die lokalen Bedürfnisse gut widerspiegelt. Daraus wurden Empfehlungen abgeleitet, die schließlich in den Entwicklungsplan aufgenommen wurden. Das war ein großer Erfolg.

URBANET: Warum scheuen sich dennoch viele Städte, solche Wege zu gehen und mehr Partizipation zuzulassen?

Franziska Schreiber: Zum einen haben viele Stadtverwaltungen Angst vor einem Kontrollverlust. Es ist ja nicht klar, wie das Ergebnis eines partizipativen Prozesses aussehen wird. Ein weiterer Grund ist die fehlende Kapazität. Für eine ernstgemeinte Beteiligung der Bürger braucht es entsprechende personelle Ressourcen und das Wissen, wie man ein gutes und innovatives Beteiligungsverfahren aufsetzt.

Kaj Fischer: Wenn ich das Feld öffne und Bürgerbeteiligungsprozesse starte, muss ich als Verwaltung auch sicherstellen können, dass mit den Ergebnissen etwas passiert. Es gibt wenig Schlimmeres, als wenn ich Ideen einsammle und die Bevölkerung motiviere und mobilisiere, am Ende aber gar nicht umsetzen kann, was gefordert wird.

URBANET: In welchen Bereichen sehen Sie einen besonderen Bedarf für mehr Partizipationsangebote?

Kaj Fischer: Eigentlich in fast allen Bereichen, ganz besonders aber im sozialen Bereich. Was Bauprojekte und Raumgestaltung angeht, ist ja inzwischen sowohl bei den Stadtverwaltungen als auch bei den Bürgern ein Grundbewusstsein dafür vorhanden, dass man diese Aufgabe gemeinsam bewältigen kann. Aber eine Stadt ist ja auch noch mehr als das: Da geht es auch um Themen wie Krankenversorgung oder Kinderbetreuung oder aktuell zum Beispiel auch um die Frage, wie man proaktiver und produktiver mit der Flüchtlingssituation umgehen kann. In solchen Bereichen fehlt in den Städten aber häufig noch das Bewusstsein, dass man die Bürger daran beteiligen sollte.

URBANET: Wünschen sich die Bürger denn grundsätzliche ein Mitsprache- und Gestaltungsrecht?

Kaj Fischer: Ich denke schon, dass das Bedürfnis nach Gesellschaftsgestaltung und damit Stadtgestaltung grundsätzlich vorhanden ist. Es schlägt allerdings häufig in Frustration um, weil viele Bürger das Gefühl haben, sie können und dürfen gar nicht mitreden und mitgestalten. Es fehlt vielerorts auch einfach noch an Positivbeispielen für Partizipation.

URBANET: Können Städte eine Beteiligungskultur entwickeln, die alle Bürger, die sich beteiligen wollen, auch berücksichtigt?

Franziska Schreiber: Ich denke, dass man sich auf jeden Fall eingestehen sollte, dass Beteiligung immer selektiv sein wird. Es wird niemals ein Punkt erreicht sein, wo alle Gruppen gleichmäßig repräsentiert sind oder sich beteiligen wollen. Ich glaube trotzdem, dass man als Stadtverwaltung den Anspruch haben sollte, die Bedürfnisse möglichst vieler Bürger einzufangen und zu berücksichtigen. Und dabei spielt, wie ich schon betont habe, die Auswahl der Formate und Plattformen eine wichtige Rolle. Es reicht zum Beispiel nicht aus, sich auf Online-Plattformen zu verlassen, denn es gibt immer noch Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben. Oder es gibt Menschen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist und denen ich dann vielleicht Veranstaltungen oder Informationen in einer anderen Sprache anbieten kann. Generell denke ich, dass es wichtig ist, direkt auf die Gruppen zuzugehen, die man einbinden möchte. Also in die Nachbarschaften zu gehen, dort mit den Leuten zu sprechen und sie zu befragen. Stadtverwaltungen sollten nicht darauf warten, dass Bürger zu ihnen kommen.

Franziska Schreiber & Kai Fischer

Franziska Schreiber & Kai Fischer

Projektmanager bei adelphi
Franziska Schreiber arbeitet als Projektmanagerin für adelphi. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit internationalen Verhandlungsprozessen zum Thema Stadt sowie mit verschiedenen Aspekten städtischer Regierungsführung, nachhaltiger Stadtentwicklung und der Schnittstelle zwischen Städteplanung und sozialem Zusammenhalt. Sie ist Autorin mehrerer Studien und politischer Analysen und entwickelt Dialogformate für aktuelle politische Prozesse.

Kai Fischer arbeitet als Projektmanager für adelphi im Bereich städtischer Wandel. Er hat sich in verschiedenen Studien und Berichten mit Fragen globaler Urbanisierung, urbaner Regierungsführung und urbanem Klimaschutz auseinander gesetzt.
Franziska Schreiber & Kai Fischer

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2017-05-20T11:51:59+00:00 23.09.2016 |Categories: LEBENSWERTE STÄDTE SCHAFFEN|Tags: , , , |